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Rezension aus: Historische Zeitschrift 299 (2014), S. 251-252

Seit Jahrzehnten bilden die Lage- und Stimmungsberichte von Geheimer Staatspolizei (Gestapo) und Sicherheitsdienst der SS einen bevorzugten Gegenstand editorischer Bemühungen; ebenso intensiv wurden diese Akten von der NS-Forschung ausgewertet und ihr Quellenwert diskutiert. Für die Monatsberichte 1934-1936 der fünf Stapo-Stellen der preußischen Rheinprovinz (Aachen, Düsseldorf, Koblenz, Köln, Trier) ist nun eine dreibändige Edition angelaufen, deren erster Jahresband für 1934 vorliegt. Aufgrund von Überlieferungslücken, die trotz Recherchen in fünf relevanten Archiven bestehen, wurden die 24 Stapo-Berichte durch drei Monatsberichte von Regierungspräsidenten ergänzt. Die Einleitung bietet eine Geschichte der Staatspolizei in der Rheinprovinz (Personal, Spezifika der Berichterstattung u.a.) sowie quellenkritische Überlegungen: Die Berichte seien „Faktenrapport, Lagebeurteilung und Frühwarnsystem in einem“ gewesen (S. 21) und allein wegen ihrer notorischen Kritik an den Funktionären der NSDAP überaus glaubwürdig (S. 30). Es folgt eine geraffte Übersicht wesentlicher Daten der Rheinprovinz (Demographie, Wirtschaft, Sozialpolitik, Regimegegner, Kirchen, NS-Bewegung, Beziehungen zum nahen Ausland) sowie der wichtigsten Ereignisse des Jahres 1934 („Röhmputsch“, Tod des Reichspräsidenten von Hindenburg, NS-Putsch in Österreich etc.).

Der Inhalt der 27 Berichte, die sich nur teilweise an das vorgegebene Schema hielten, aber dieselben Themen behandelten, bringt auf rund 550 Seiten zwar zahlreiche Bestätigungen des Erwarteten, aber auch interessante und unerwartete Einsichten. Wenig verwunderlich nehmen die Gegner des Regimes und hier insbesondere die KPD sowie die Katholische Kirche breiten Raum ein. Die keineswegs rosige wirtschaftliche Entwicklung und die aus ihr resultierende Missstimmung zumindest bestimmter Segmente der rheinischen Gesellschaft werden in detailreichen Analysen gewürdigt, die der wirtschaftlichen Kompetenz der Berichtsverfasser ein erstaunlich gutes Zeugnis ausstellen. Ihren scharfsinnigen Einblicken in ökonomisch-psychosoziale Zusammenhänge sowie den Lösungsvorschlägen ist nur selten zu widersprechen. Scharfe Kritik an lokalen Repräsentanten des Regimes, von den „Hoheitsträgern“ der Partei über SA und HJ bis zur SS, an deren Inkompetenz, Anmaßung, Taktlosigkeit und Korruptheit, zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Berichte, wobei deren Verfasser nicht nur Klagen seitens der Bevölkerung wiedergeben, sondern diesen zustimmen; lediglich die Gauleiter und insbesondere Hitler blieben explizit ausgenommen (z.B. S. 581). Abseits der referierten Fakten etwa hinsichtlich der Aktivitäten des Widerstandes und dessen Bekämpfung verdienen die in der Bevölkerung umlaufenden Gerüchte und Illusionen besondere Aufmerksamkeit. So glaubten viele Deutsche nach dem Tod Hindenburgs allen Ernstes, es werde zu einer Neuwahl mit mehreren Kandidaten kommen (S. 307). Bemerkenswert ist die Erkenntnis der Berichterstatter, wegen der strikten Überwachung der „Volksgenossen“ und deren daraus resultierender Vorsicht werde ein Belauschen der vox populi immer schwieriger, so dass es eine offizielle und eine inoffizielle Volksmeinung gebe (S.461). Gerade in Krisenzeiten solle das Regime mehr Meinungsfreiheit zulassen (S. 658). Konträr hierzu stehen freilich die dringenden Bitten, öfters „Schutzhaft“ zu verhängen und schärfere Vernehmungsmethoden für verhaftete Kommunisten zuzulassen (S. 585 u. 660 f).

Unterschiede hinsichtlich der fünf Regierungsbezirke ergeben sich nur hinsichtlich des Umfangs der Berichterstattung, kaum hinsichtlich der getroffenen Einschätzungen, was manche Wiederholung bedingt. Dem Leser nicht verständliche Erwähnungen von Personen, Ereignissen, Orten etc. werden durch Fußnoten erläutert. Kurzbiografien der wichtigsten Protagonisten, ein Abkürzungs- und Literaturverzeichnis sowie ein Personen-, Orts- und Sachregister beschließen diesen spannend zu lesenden Band, auf dessen Fortsetzung man sich freuen darf.

Martin Moll, Graz

 

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