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Rezension aus: Rheinische Vierteljahrsblätter 77 (2013), S. 433-435

Mit den Lageberichten der fünf Gestapostellen der Regierungsbezirke Aachen, Düsseldorf, Koblenz, Köln und Trier und einigen Berichten der Regierungspräsidenten in Koblenz und Trier liegt der erste Band der auf drei Bände angelegten Edition der Lageberichte von 1934 bis 1936 vor. Es handelt sich um ein umfangreiches Buch von 731 Seiten, das man – das sei gleich vorweg gesagt – in seiner editorischen Qualität als mustergültig bezeichnen kann.

Das gilt für die Einleitung, in der Organisation, Personal und Berichterstattung der Geheimen Staatspolizei im Rheinland beschrieben und eine historische Einführung gegeben wird, die die Struktur der Rheinprovinz kennzeichnet, die wichtigsten politischen Entwicklungen des Jahres 1934 umreißt und die NS-Wirtschafts- und Sozialpolitik und deren Institutionen referiert. Darüber hinaus werden die in den Lageberichten abgehandelten ‚Gegner‘ des Regimes gekennzeichnet und ebenso die NS-Organisationen und die faschistischen Bewegungen im benachbarten Ausland. So bietet die Einleitung – immerhin 112 Seiten – eine umfassende und doch konzise Information, die ein eingehenderes Verständnis der Quellen ermöglicht und für sich genommen bereits eine auf breite Literaturauswertung gestützte, komprimierte Geschichte der Entwicklungen des Jahres 1934 im Rheinland darstellt. Ergänzt durch Kurzbiographien der wichtigsten in dem Werk vorkommenden Persönlichkeiten, Literaturverzeichnis und Register liegt insgesamt gesehen eine ausgezeichnete Quellenedition vor.

Herausgeber Manfred Groten weist in seinem Vorwort zu Recht auch auf die Schwierigkeit der Finanzierung von Quellenveröffentlichungen hin, für die es keine unmittelbare Nutzeranwendung gibt, sondern die von denjenigen gebraucht werden, die diese Quellen lesen und auswerten, sei es für wissenschaftliche Publikationen, sei es für die Bildungsarbeit. Dass dies nicht in hinreichendem Maße geschieht, lässt sich an langlebigen wissenschaftlichen Thesen beobachten, die durch die bereits vorliegenden umfangreichen Editionen, etwa der ‚Meldungen aus dem Reich‘, der ‚Berichte des SD und der Gestapo über Kirche und Kirchenvolk in Deutschland‘, der ‚Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands‘ u.a. an sich widerlegt sind, so selbst in dem vorliegenden Band. Das Verhältnis von katholischer Kirche zum NS-Regime – wobei angesichts der Konfessionsstruktur im Rheinland die Kirche offenbar als wichtigster ‚Gegner‘ angesehen wurde – sei „nicht von politischem Widerstand, sondern von einem unvermeidbaren Gegensatz der weltanschaulichen Grundlagen und Ziele bestimmt [gewesen] sowie von den gegenläufigen Interessen zweier Großorganisationen, die je auf ihre Weise einen umfassenden Zugriff auf die Bevölkerung intendierten“ (S. 79 f.), schreiben die Bearbeiter ganz im Sinne des ‚mainstreams‘ der Widerstandsforschung. Da muss es schon zu denken geben, wenn genau dies auch im Lagebericht der Gestapostelle Aachen für Oktober 1934 formuliert wird, versuche doch die Kirche, den katholischen Menschen – erfolgreich – aus der totalen Weltanschauung des Nationalsozialismus zur totalen katholischen Weltanschauung wieder zurückzuführen (S. 507). Die Geistlichkeit hielte sich für verpflichtet, gegen den nationalsozialistischen Totalitätsanspruch vorzugehen, weil er sich eben gegen die undiskutablen Grundlagen des Christentums richte, so die Gestapostelle Aachen in ihrem Bericht für Dezember 1934 (S. 631). Diese Grundlagen also wären zu betrachten. Während bei den Nationalsozialisten das Prinzip ‚Der Stärkere hat recht‘ galt, lautet die christliche Grundlage ‚Liebe deinen Nächsten‘. In der Konsequenz qualifiziert dann ein katholischer Kaplan die Erschießungen im Zusammenhang mit dem sog. Röhm-Putsch als Morde (S. 250) und die Gestapo hielt völlig zu Recht die Gegensätze zwischen katholischer Kirche und NS-Regime auf die Dauer für unüberbrückbar (S. 631). Dass dies alles nichts mit „politischem Widerstand“ zu tun haben soll, erschließt sich dem Rezensenten nicht.

Auf die Quellen kommt es für den Historiker bei der Rekonstruktion der Vergangenheit eben an und da bietet die Edition, abgesehen von dem oben gegebenen kleinen Beispiel, ein weites Feld für neue oder zumindest vertiefende Einsichten, wozu hier nur einige wenige Hinweise gegeben werden können.

Das gilt zunächst für die erstaunlich breite und genaue Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Lage. So werden nicht nur die Lebensverhältnisse, insbesondere der Arbeiterschaft, geschildert, sondern auch die Lage der Betriebe und die konjunkturelle Entwicklung der einzelnen Branchen. Heil dem Führer – es wird alles dürer (teurer) (S. 581) war zu Winterbeginn 1934 ein geflügeltes Wort im Rheinland. Im Sommer und selbst noch im Herbst waren sogar Kartoffeln knapp und bei Preisen zwischen 3,20 bis 3,50 RM pro Zentner waren die Arbeiter nicht in der Lage, Winterkartoffeln einzukellern (S. 434, 463). Es fehlte an Butter, an Eiern, an Margarine, das Mehl musste stärker ausgemahlen werden, Textilien waren rationiert und die Löhne „nahe am Existenzminimum“ (S. 555). In den Arbeiter-Familien fehlen vielfach die Mittel zum auch nur ein- oder zweimaligen Fleischgenuß in der Woche, hieß es im Herbst 1934 (S. 616). Man fragt sich, ob Götz Aly solche Informationen zur Verfügung standen, als er sein Buch ‚Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus‘ (Frankfurt/M. 2005) schrieb.

Diese Verhältnisse bekamen eine besondere Qualität vor dem Hintergrund der massiven Kritik am Lebenswandel und Verhalten der Parteiführer, die zwar die Volksgemeinschaft predigten, deren Leben und Leistungen jedoch keineswegs mit den Grundsätzen des Nationalsozialismus übereinstimmten (S. 572). Die Defizite waren nicht nur materieller Art. In der Auseinandersetzung mit der Kirche zeigte sich auch die geistige Überlegenheit der Leiter kirchlicher Organisationen (S. 147) und die Tatsache, dass der politische Katholizismus als der große Gegner des nat.soz. Staates über Kräfte verfügt, denen die Bewegung innerhalb des hiesigen Bezirks in diesem Ausmaße nichts Gleichwertiges gegenüberzustellen hat (S. 657). In der Tat kamen die kirchlichen Erfolge bei der Aktivierung der Bevölkerung nicht von ungefähr. Der Kirche gelang die innere Stärkung der Gläubigen nicht zuletzt durch Glaubenskundgebungen mit noch nie dagewesene(m) feierliche(n) Rahmen, mit noch nie erlebte(r) Symbolik (S. 199), mit Kundgebungen von tiefer Wucht und gewaltigem Eindruck (S. 483), mit einer Volksliturgie bis hin zum feierlichen Abschwur an das Neuheidentum – mit erhobenen Schwurfingern, was die Gestapo als besonders wirksam und eindrucksvoll qualifizierte (S. 485).

Wenn dann noch der Kölner Kardinal Schulte in der offiziösen Presse in Sperrdruck mit Äußerungen zitiert wurde, die für die Bewegung sehr günstig lauten, die aber der Kardinal einwandfrei überhaupt nicht getan hat (S. 660) und bei der Volksabstimmung am 19.8. von der Gestapo Verfehlungen konstatiert werden, die als Beeinflussung, wenn nicht gar Fälschung des Stimmergebnisses anzusehen sind (S. 330), blieb dies in der Bevölkerung nicht unbekannt. Es gab einen Gedankenaustausch nur von Mund zu Mund, nur insgeheim, in kleinstem Kreise und dazu noch […] in Flüstersprache und insofern gleichsam 2 Anschauungen – eine offizielle und eine inoffizielle, die getrennt voneinander, ohne sich zu berühren oder zu schneiden, nebeneinander herlaufen, so die Gestapo im Oktober 1934 (S. 461). Ob das die Vertreter der Diskursanalysen über die NS-Zeit schon wissen? Und noch eine bemerkenswerte Information: bei der Aufführung des Don Carlos am 5.11.1934 im Schauspielhaus Köln gab es bei dem Ausruf des Marquis Posa, Sire, geben Sie Gedankenfreiheit! Eine spontane Beifallskundgebung (S. 581). Dass es so etwas gegeben hat, war zwar bekannt, hier findet sich ein zitierbarer Beleg.

Zusammengefasst: ein sehr wertvoller Band, dem man nur viele Leser wünschen kann.

Vechta, Joachim Kuropka

 

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