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Jörg Engelbrecht (1952-2012)

(Blätter für deutsche Landesgeschichte 150, 2014, S. 591-595)

Dass sich die rheinische Landesgeschichte, die Jörg Engelbrecht von 2005 bis 2012 mit dezidiert grenzüberschreitendem Ansatz im Rahmen der Professur „Landesgeschichte der Rhein-Maas-Region“ an der Universität Duisburg-Essen lehren sollte, seit längerem in einer krisenhaften Phase des Umbruchs befinde, war eines der Ergebnisse der ersten Zusammenkunft der Arbeitsgemeinschaft der Landeshistoriker Deutschlands aus Ost und West, die nach der deutschen Wiedervereinigung 1995 in Greifswald stattfand. Der 2012 leider viel zu früh verstorbene Jörg Engelbrecht, seinerzeit gerade frisch habilitiert und an der Organisation dieser auch für ihn persönlich wichtigen Konferenz aktiv beteiligt, war zugleich nicht nur anregender Teilnehmer dieses bilanzierenden und doch auch zukunftsorientierten Gedankenaustauschs, er war darüber hinaus auch einer der damals noch jüngeren Hoffnungsträger dieser sich dort methodisch erstmals als moderne Regionalgeschichte mit erweiterter Perspektive auf die angrenzenden Räum definierenden Landesgeschichte des Rheinlandes.

Innovativ zu sein, endlich lange vernachlässigte Themenbereiche anzugehen, methodisch neue und vor allem kritische Akzente zu setzen und so Alternativen zu den noch immer dominierenden traditionalen Elementen der Landesgeschichte aufzuzeigen – das war auch das Credo der 1995 in Greifswald auftretenden Gruppe von Jüngeren, unter denen Jörg Engelbrecht damals bereits einer der deutlich Arrivierteren war. Immerhin: Von ihnen sollten auf lange Sicht schließlich noch einige reüssieren und die Visionen der 80er und 90er Jahre in verschiedenen Funktionen umzusetzen versuchen.

Die meisten von ihnen waren wie Jörg Engelbrecht überzeugte Frühneuzeithistoriker mit theoretisch und methodisch geschärftem Blick, auch und gerade auf internationale wissenschaftliche Entwicklungen und historiographische Reformen fokussiert. Kein Wunder also, dass sich etliche von ihnen, darunter auch Jörg Engelbrecht, kurz nach Greifswald in der neu formierten Arbeitsgruppe Frühe Neuzeit des Historikerverbandes wiederfanden, die sich am Rande des Historikertages von 1996 in München formierte. Mit Selbstbewusstsein reagierten die deutschen Historiker der Frühen Neuzeit damit nicht nur auf die inzwischen unabweisbare epochenspezifische Eigenständigkeit dieses historischen Zeitraums, sondern auch und gerade auf eine fachinterne Entwicklung der zurückliegenden Jahrzehnte, in deren Verlauf sich die frühneuzeitliche Forschung als besonders experimentierfreudig und fortschrittsorientiert erwiesen hatte. Auch wenn Jörg Engelbrecht weder in Greifswald noch in München zu den Wortführern und Funktionsträgern gehörte, so war er dort und anderswo stets ein engagierter Teilnehmer der um Innovationen bemühten Debatten, ja er war nahezu überall mit von der Partie, wo – vor allem in geselliger Form – die Vordenker ihre Köpfe zusammensteckten.

Lebensgeschichtlich und wissenschaftlich in Düsseldorf, seiner Stadt im wahrsten Sinne des Wortes, sozialisiert, war Jörg Engelbrecht ein stets anregender, aber auch nachdenklich abwägender Gesprächs- und Diskussionspartner. So etwa auch im Rahmen des ambitionierten Think Tanks „Florenz II“, der auf Initiative Horst Lademachers, des Gründungsdirektors des Münsteraner Zentrums für Niederlande-Studien, einberufen worden war und der es sich zum Ziel gesetzt hatte, den Plan für eine neue Europäische Hochschule mit dem Einzugsbereich Nordwesteuropas als Ergänzung zur bereits etablierten Europäischen Hochschule in Florenz auszuarbeiten. Jörg Engelbrecht beteiligte sich mit einem prägnanten Plädoyer aus der Sicht seines Fachgebiets, unterstrich ergänzend den Stellenwert dieser wissenschaftspolitischen Initiative, verzichtete später, als er die Essener Professur übernommen hatte, jedoch leider auf eine weitere aktive Beteiligung und Unterstützung. Neben, vielleicht sogar vor seinen bleibenden Schriften sowie seiner intensiven Einbindung in die Lehr- und Gremienarbeit seiner jeweiligen Hochschule kann dieses Engagement, sein Engagement im Rahmen wissenschaftlicher Diskurse um eine innovative Reform und Erweiterung des Faches, als eines der wichtigsten wissenschaftlichen Verdienste Jörg Engelbrechts angesehen werden.

Dabei entsprach ein engagiertes, visionäres Vorpreschen, gar ein Aufbegehren gegen etablierte oder verkrustete Strukturen oder allzu lang gepflegte Traditionen, jedoch eher nicht seinem Naturell. Dazu passte, dass er – im persönlichen Umgang immer verbindlich und verlässlich, in vielen Fällen gegenüber Schülern oder unverhofft in Schwierigkeiten Geratenen sogar überaus fürsorglich – einem Kollegen noch Ende der 1990er Jahre den durchaus ernstgemeinten Rat gab, sich mit Rücksicht auf seine Karriereplanung doch lieber nicht in der NS-Forschung zu engagieren, wenn er nicht Opfer dieses „sehr verminten Geländes“ werden wolle. Im Übrigen sei die NS-Forschung ja doch in weiten Teilen die Suche nach Schuldigen, doch könne man im Nachhinein ja wirklich nicht mit Gewissheit sagen, wie man sich selbst in einem solchen Terrorregime verhalten hätte.

Weil der das Fach – wie man an diesem Beispiel sieht, mehr oder weniger gut – zu kennen meinte, legte er selbst im öffentlichen Auftritt stets Wert darauf, betont seriös, abwägend und methodisch nur bedingt „modern“ oder gar „trendy“ zu erscheinen. Inhaltlich dagegen trug er mehrfach dazu bei, lange vernachlässigte Themenbereiche in monographischer und teamorientierter Arbeit innovativ aufzuarbeiten oder – gemäß einer der vornehmsten Aufgaben des Historikers – manche ‚alte Geschichte‘ neu zu erzählen oder die so aufbereiteten historischen Erkenntnisse nicht nur im akademischen Rahmen, sondern auch in der regionalen und lokalen Geschichtsarbeit zu präsentieren. Letzterer widmete er einige Jahre lang einen größeren Teil seiner Zeit und Energie.

1982 legte Jörg Engelbrecht in Düsseldorf seine von Klaus Müller betreute Dissertation über „Die reformierte Landgemeinde in Ostfriesland im 17. Jahrhundert“ vor, in der Agrar- und Religionsgeschichte miteinander verbunden und der Wandel sozialer und kirchlicher Strukturen der ländlichen Gesellschaft Norddeutschlands unter dem Einfluss des niederländischen Republikanismus untersucht wurden. Zu Recht qualifizierte diese Arbeit Engelbrecht zur weiteren Hochschullaufbahn, die auch in Düsseldorf, jedoch dann unter der Ägide von Hansgeorg Molitor stattfand. Bei diesem begann Engelbrecht anschließend, sich unter aktuellen forschungsleitenden Gesichtspunkten mit einem schon lange unbeachteten Gebiet der rheinischen Geschichte zu beschäftigen, das bald sogar zu seinem Hauptarbeitsgebiet werden sollte, nämlich mit den Auswirkungen der Französischen Revolution am Rhein und der französischen Besatzungszeit bis 1813. Schon 1985, also im Vorfeld des „Bicentenaire“, trug er mit Bernd Dreher zur wissenschaftlichen Vorbereitung einer vielbeachteten Ausstellung des Stadtmuseums Düsseldorf über das Herzogtum und Großherzogtum Berg 1794-1815 bei und brachte damit das eminent wichtige Thema des französischen Einflusses im Rheinland am Prozess der Modernisierung in der „Sattelzeit“ (R. Koselleck) auf die Tagesordnung der Forschung.

Für das Rheinland hatte Engelbrecht damit nicht nur eine Debatte um eines der zentralen Themen seiner Geschichte eröffnet, sondern auch eine Revision der bisher betont preußisch-patriotischen bis nationalistischen Geschichtsdeutung eingeleitet. Für sich selbst hatte er damit zugleich auch ein Forschungsfeld erschlossen, mit dem er sich bald auch im Rahmen seiner Habilitationsschrift ausführlich auseinandersetzen sollte. 1996 erschienen und einhellig mit positiver Resonanz aus der Fachwelt bedacht, stellte „Das Herzogtum Berg im Zeitalter der Französischen Revolution – Modernisierungsprozesse zwischen bayerischem und französischem Modell“ im Kern eine Sozial- und Wirtschaftsgeschichte dieses napoleonischen Modellstaats dar, wobei dessen besondere Rolle als Vorreiter der Industrialisierung Deutschlands, aber auch anderer Regionen Europas den Autor von einem „rheinischen Sonderweg der Modernisierung“ sprechen ließ. Ergänzend zur Habilitation beteiligte sich Engelbrecht an der Herausgabe der übersetzten und kommentierten Fassung des französischen Standardwerks „Le Grand Duché de Berg“, das der Elsässer Charles Schmidt vor allem auf der Basis der Pariser Aktenbestände schon 1905 vorgelegt hatte, und baute so die napoleonische Übergangsperiode weiter zu seinem markantesten akademischen Arbeitsgebiet aus.

Nach der Habilitation von 1993 konnte Engelbrecht eine Reihe von Lehrstuhlvertretungen wahrnehmen, nämlich in Greifswald, Rostock, Dresden und Duisburg, und bis 1998 zwischenzeitlich immer wieder auf seine Assistentenstelle bzw. als Vertreter seines inzwischen emeritierten Habil-Vaters nach Düsseldorf zurückkehren. Trotz dieser für ihn wahrlich zermürbenden Tour d’Horizon versuchte er, seine Berufungschancen durch zahlreiche Aktivitäten und neue Veröffentlichungen weiter zu verbessern. So legte er 1994 – was bis zu diesem Zeitpunkt noch ein ausgesprochenes Desiderat der landesgeschichtlichen Forschung war – eine erste komprimierte Übersichtsdarstellung zur Geschichte Nordrhein-Westfalens vor und beteiligte sich an verschiedenen Ausstellungskatalogen und Sammelbänden. Eine Landeskunde des Rheinlands, die er 2003 zusammen mit Georg Mölich unter dem klingenden Titel „Rheingold – Menschen und Mentalitäten im Rheinland“ herausgab, zeigt anschaulich die große Spannbreite von Engelbrechts Interessen in dieser Zeit, die bis zur Landeskunde und Heimatkunde als breit angelegten und volkstümlich ausgerichteten Entsprechungen der akademischen Regional- und Lokalgeschichte ging und seine große innere Verbundenheit mit Land und Leuten offenbarte.

Trotz Engelbrechts vielfältigen Bemühungen in Forschung und Lehre erfolgte erst zum Wintersemester 2005/06 seine Berufung auf die Professur „Landesgeschichte der Rhein-Maas-Region“ an die Universität Duisburg-Essen, die kurz zuvor durch politisches Dekret zwangsweise fusionierte Hochschule im Westen des Ruhrgebiets. Mit der Essener Professur verbunden war die Leitung des Duisburger „Instituts für niederrheinische Kulturgeschichte und Regionalentwicklung“ sowie der dort angesiedelten „Niederrhein-Akademie“, d.h. von Einrichtungen, mit denen in besonderer Weise und auf breiter kultureller Basis die an das Industrierevier Nordrhein-Westfalens westlich angrenzenden Nachbarregionen des Niederrheins und der niederländischen Maas-Region interdisziplinär erforscht und zugleich mit der Hochschule – auch und gerade zum Nutzen gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklungspotenziale – vernetzt werden sollten. Obwohl Engelbrecht von Hause aus weder Niederlandist noch ein ausgesprochener Experte für die Geschichte der Niederlande war, sondern allenfalls auf privater Ebene Kenntnisse über die beziehungsreiche Kultur der Niederlande mit Grundkenntnissen in der niederländischen Philologie erworben hatte, war es ihm doch gelungen, sich schon seit der Wahrnehmung seiner Duisburger Vertretungsprofessur in diese Gebiete intensiv einzuarbeiten, so dass er bei Dienstantritt im Winter 2005 die erlangte Professur mit besonderer Resonanz bei Lernenden und Lehrenden auszufüllen vermochte.

So wurden in Essen unter Engelbrechts Beteiligung und Betreuung bald einige interessante Publikations- und Forschungsvorhaben zu den rheinisch-niederländischen Kulturbeziehungen und zum deutschen „Blick gen Westen“ (2008) projektiert und zum Teil auch realisiert. 2009 legte er gemeinsam mit Wolfgang Maron unter dem Titel „Sechzig Jahre deutsche Geschichte 1949-2009“ ein für die politische Bildung konzipiertes illustriertes Lesebuch zur gesamtdeutschen Geschichte vor, das sich bis zur Gegenwart besonderer Beliebtheit erfreut. Und nicht zuletzt dank der interdisziplinären Verzahnung mit anderen in Essen angesiedelten Kulturwissenschaften gelang es Engelbrecht 2010 unter maßgeblicher Mitwirkung seiner Doktoranden bzw. Mitarbeiter Holger Schmenk, Christian Krumm und Simone Frank, den ersten Band eines neuen Periodikums mit dem Titel „Rhein-Maas. Studien zur Geschichte, Sprache und Kultur“ zu veröffentlichen, mit dem er sein Essener Forschungsgebiet programmatisch unterfüttern sowie in der akademischen und kulturell interessierten Öffentlichkeit repräsentieren wollte. Dass schon der dritte Band dieser in der Regel thematisch ausgerichteten Zeitschrift schon eine im Angesicht seines bevorstehenden Todes zusammengestellte Festschrift für Jörg Engelbrecht zu seinem 60. Geburtstag sein würde, war gewiss überaus tragisch und bedauerlich.

In der rheinischen Landesgeschichte hatte Jörg Engelbrecht als passionierter Düsseldorfer zweifellos sein ideales Wirkungsfeld gefunden, denn Geschichtsbetrachtung war für ihn zeit seines Lebens im Wesentlichen, wie er einmal selbst so plastisch formulierte, „Geschichte am Rhein“ (1988). Mit dem auf die Region fokussierten Blick werden bei ihm historische Ereignisse, Prozesse und Strukturen durchdekliniert und auf Unterschiede, Ähnlichkeiten und Besonderheiten im Vergleich zur allgemeinen Geschichte oder zu anderen Regionen hin abgeklopft. Die Region ist dabei eine relativ große, kaum veränderbare Konstante, auf die der Blick allenfalls – je nach Bedarf – etwas verengt oder erweitert zu werden braucht. Im Dienste dieses eher traditionsbewussten Ansatzes traten bei Engelbrecht zwar verschiedentlich komparatistische Elemente in den Gesichtskreis, bei genauerem Hinsehen aber war jedoch auch bei dem von Engelbrecht (zu Ehren seines Lehrers Molitor) herausgegebenen Sammelband „Landes- und Reichsgeschichte“ (2004) der Erkenntnisgewinn zugunsten der Landesgeschichte das entscheidende Motiv. Der historische Raum bzw. die relativ übersichtliche Region stand immer an erster Stelle seiner Geschichtsbetrachtung. Im Jahre 2012 hat die „Geschichte am Rhein“ mit Jörg Engelbrecht einen ambitionierten und vielfach engagierten Vertreter verloren.

Burkhard Dietz

 

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