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Rezension aus:
Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 215 (2012), S. 210-213

Horst Lademacher: Grenzüberschreitungen. Mein Weg zur Geschichtswissenschaft. Erinnerungen und Erfahrungen. Im Gespräch mit Burkhard Dietz und Helmut Gabel. Münster/New York/München/Berlin: Waxmann Verlag 2012, 346 S., Abb.

Das hier veröffentlichte Interview thematisiert das Leben von Horst Lademacher, der heute als „der maßgebende deutsche Historiker für die Geschichte der Niederlande seit dem Ausgang des Mittelalters“ gilt. (S. 10) Es waren vor allem die Herkunft aus dem Arbeitermilieu, die Entscheidung zugunsten einer akademischen Laufbahn, die vielfältigen, dem deutsch-niederländischen Verhältnis und der Sozialgeschichte zugewandten Forschungen und schließlich die Leitung des Münsteraner Zentrums für Niederlande-Studien, die die Herausgeber dieser Veröffentlichung veranlassten, die wechselvollen Lebensphasen von Horst Lademacher im Rahmen eines „autobiografischen Interviews“ zu dokumentieren. Dieser zögerte zunächst, sich autobiographisch zu äußern, gab dann aber seine Zustimmung, als 2009 die Möglichkeit eines Interviews ins Auge gefasst wurde. „Mit hohem Zeitaufwand“ [von zwei Jahren] und aus dem Wechselspiel der teilweise per E-Mail übermittelten Fragen und Antworten entstand „ein lebhafter autobiografischer Essay“, der ursprünglich der dokumentarischen Sicherung der Erinnerungen dienen sollte, jedoch wegen seines „nicht unwesentlichen zeit- und wissenschaftsgeschichtlichen Informationswertes“ veröffentlicht wurde (S. 8). Der Band ordnet sich damit ein in den in jüngerer Zeit zu beobachtenden Trend zur Selbstreflexion unter deutschen Historikern – eine Entwicklung, die ihren Ausgang von dem langen Schatten nahm, den der Nationalsozialismus vor und nach 1945 auf die deutsche Geschichtswissenschaft warf, und die nach Jahrzehnten des Schweigens im Jahre 2000 in eine richtungsweisende, von Rüdiger Hohls und Konrad H. Jarausch herausgegebene Interviewsammlung mit dem bezeichnenden Titel „Versäumte Fragen“ mündete.

Inhaltlich breiter als die ein ausgewähltes Historiker-Kollektiv in den Blick nehmende Pionierarbeit von Hohls und Jarausch – weil von standardisierten Fragen absehend und als Einzelinterview sehr stark auch Biographisch-Persönliches in den Fokus rückend – ist das vorliegende Werk, in dem die von Burkhard Dietz und Helmut Gabel durchgeführte autobiographische Befragung 307 (von insgesamt 346) Seiten umfasst. Die sachlich und sprachlich ausgefeilten Texte der Fragen und Antworten lassen erkennen, dass es sich hier weniger um eine Abfolge spontaner Interviews handelt, das Gespräch vielmehr von den Interviewern ebenso wie von dem Interviewten gut vorbereitet und sorgfältig redigiert wurde. Besonders hingewiesen sei auf die große Sachkenntnis, mit der Dietz und Gabel ihre Fragen formuliert haben. Der Text ist in acht chronologisch angelegte Kapitel eingeteilt, von denen jedes einen Lebensabschnitt Lademachers dokumentiert. In einem neunten Kapitel werden unter dem Titel „Abspann: Neigung – Meinung – Befindlichkeiten“ die Persönlichkeit von Horst Lademacher, d. h. seine Einstellungen, Bewertungen, Vorlieben und Gewohnheiten genauer beleuchtet; sie helfen dem Leser, die dargelegten Fakten und Inhalte besser einordnen und bewerten zu können. Dasselbe gilt für zwei ausgefüllte „FAZ-Fragebögen“ von insgesamt drei Seiten, die sich ebenfalls auf die Person von Horst Lademacher beziehen und dem achten Kapitel des autobiographischen Interviews angefügt sind.

Wie bereits angedeutet, ist dieses Interview chronologisch angelegt. Das Gerüst der Darstellung bilden die vielfältigen Aktivitäten von Horst Lademacher. Sie seien hier – gleichsam aus exemplarischen Gründen – in geraffter Form wiedergegeben. – Lademacher wurde 1931 als „Arbeitersohn im Bergischen Land“ geboren. 1937 zog die Familie von dort in das Märkische Sauerland nach Plettenberg-Eiringhausen, wo er die Volksschule besuchte. Von 1941 bis 1944, d.h. vom neunten bis zum 13. Lebensjahr, war Lademacher Schüler bzw. „Jungmann“ bei der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (NAPOLA) in Oranienstein in Hessen. Im November 1944 wechselte er auf ein normales, öffentliches Gymnasium. Nach dem Abitur studierte Lademacher zwei Semester Jura an der Universität Bonn. An der Universität Münster belegte er dann die Fächer Geschichte, Publizistik, die niederländische Sprache und Literatur sowie öffentliches Recht. Er promovierte 1957 an der Universität Münster mit einer Dissertation zur Verfassungsgeschichte der Niederlande in der Frühen Neuzeit. Nach Beendigung seines Studiums fand Horst Lademacher im Frühjahr 1957 eine Stelle bei „Bull‘s Pressedienst“ in Frankfurt/M., wo er amerikanische und englische Texte an deutsche Redaktionen verkaufte. So „weich gebettet“, wie dies jüngst (2010) Dieter Langewiesche mit Blick auf sich und die Kollegen seines Jahrgangs 1943 in einem Kollektivporträt von Barbara Stambolis („Leben mit und in der Geschichte. Deutsche Historiker Jahrgang 1943“) konstatierte, trat Lademacher nicht in das Berufsleben ein. 1958 wurde er in Amsterdam beim „Internationalen Institut für Sozialgeschichte“ (IISG) eingestellt und mit der Verwaltung der Bibliothek der Deutschland-Abteilung sowie der Erstellung von Findbüchern beauftragt. 1962 wechselte Horst Lademacher als Übersetzer zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) nach Brüssel. Anschließend übertrug ihm Franz Petri, der damals Direktor des Instituts für Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande in Bonn war, eine Assistentenstelle. Lademacher wurde 1969 mit einer Untersuchung über „Die belgische Neutralität als Problem der europäischen Politik“ in Bonn habilitiert und erhielt 1971 einen Ruf an die Freie Universität in Amsterdam. Nach elfjähriger Tätigkeit in Kassel wurde er 1990 mit der Leitung des neu an der Universität Münster errichteten „Zentrums für Niederlande-Studien“ betraut und 1999 emeritiert.

Soweit der Werdegang von Horst Lademacher. – Der besondere Wert der in Interview-Form gebotenen Darstellung liegt darin begründet, dass die mit den hier aufgeführten Lebensphasen verbundenen Umstände und Gegebenheiten mit hohem Einfühlungsvermögen und großer Sachkenntnis beschrieben werden. Dies gilt u. a. für das Arbeitermilieu seiner elterlichen Familie, die Einstellungen und das Verhalten der Beteiligten in der NS-Zeit, die Ziele und Aktivitäten der NAPOLA Oranienstein, die einseitige Ausrichtung des Schulunterrichts in der NS-Zeit, die besonderen Lebensumstände der Nachkriegszeit, die Vorzüge und Mängel der von Horst Lademacher besuchten Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen, die von ihm erstellten wissenschaftlichen Tagungs- und Forschungsprojekte, Publikationen, Festreden und Ausstellungen sowie die ihm zuteilgewordenen Ehrungen.

Dass Horst Lademacher aus einfachen Verhältnissen stammte, kommt in seinen offenherzigen Interview-Äußerungen gelegentlich zum Ausdruck. Hingewiesen sei hier vor allem auf den Anfang und das Ende seines autobiographischen Interviews, wo er sich jeweils als „Arbeitersohn aus dem Bergischen“ bezeichnet (S. 10, 306). Am Ende des Interviews betont Lademacher, dass seine „Liebe zur Arbeiterklasse bleibt“, woran auch „das Scheitern der früher angestrebten Gesellschaftsordnung [nichts] ändert.“ „Sie [die Arbeiterklasse] war“, wie er fortfährt, „mein Zuhause, und sie ist es immer noch“ (S. 306 f). Dass diese Einstellung für seinen beruflichen und wissenschaftlichen Werdegang von Bedeutung war, liegt auf der Hand. So kommentiert er etwa den 1958 vollzogenen Wechsel zum „Internationalen Institut für Sozialgeschichte“ in Amsterdam als „Einstieg in die Geschichte [der] eigenen ‚proletarischen‘ Lebenswelt“ (S. 93). Diese Formulierung lässt erkennen, dass Horst Lademacher seine wissenschaftlichen, dem politischen Verhältnis der Nachbarstaaten Deutschland und Niederlande zugewandten Forschungen und Aktivitäten vor allem unter sozialgeschichtlichen Aspekten betrieb. Konkret war es die Arbeiterbewegung, die er in diesem Zusammenhang thematisierte. Grundsätzlich sei hier vermerkt, dass Lademacher auf diese Weise Arbeitsfelder erschloss, die bislang im Schatten der Forschung gestanden hatten.

Die aus der sozialen Herkunft resultierenden politischen Einschätzungen prägten allenthalben das Urteil Lademachers, was hier an zwei Beispielen aufgezeigt sei. So spricht er angesichts des 1959 von der SPD beschlossenen Godesberger Programms unverblümt von einer „sozialdemokratischen Frontverkürzung“ (S. 90). Im Hinblick auf die wissenschaftliche Ausrichtung der 1880 von orthodoxen Reformierten gegründeten Freien Universität Amsterdam äußert er unmissverständlich, dass dort die Wissenschaft zunächst „als eine christliche zu betreiben“ und erst Anfang der 1970er Jahre an dieser Universität „die völlige Freiheit der Forschung“ gewährleistet war, als im Zuge einer Neuformulierung der Universitätsstatuten „die ‚reformierten Prinzipien‘ aus dem Text verschwanden“ (S. 165).

Abschließend sei hier die Frage nach dem Erkenntniswert des vorliegenden autobiographischen Interviews gestellt. Es entspricht der besonderen, wohltuend unkonventionellen Eigenart der Befragung, dass sich Horst Lademacher hierzu auch selbst offenherzig geäußert hat. Er habe, wie er mitteilt, „zwar gerne an dem Text gearbeitet“, stehe gleichwohl „dem Vorhaben immer noch etwas skeptisch gegenüber, weil ich [Lademacher] nicht weiß, ob Person und Leben wichtig genug sind, um einer lesefreudigen Öffentlichkeit vorgeführt zu werden“ (S. 311). Zweifel überkämen ihn, wenn er an die Autobiographien der „großen Kaliber“ wie Reich-Ranicki oder Fritz Stern denke. „Fröhlicher“ stimmten ihn dagegen „die Selbstzeugnisse anderer Kollegen“, weil er „etwas anderes, gewiß nicht der Norm Entsprechendes vorzutragen habe, soweit es die wissenschaftliche Laufbahn und vor allem auch meine Herkunft angeht“ (S. 311). Hier sei nicht nur auf die oben skizzierte Vielfalt des beruflichen und wissenschaftlichen Lebens von Horst Lademacher, sondern auch auf die Überwindung sozialer Barrieren verwiesen – Aspekte, die den im Titel verwandten Begriff „Grenzüberschreitungen“ zutreffend dokumentieren. Ob eine ausschließlich von Horst Lademacher erstellte, traditionell verfasste Autobiographie seinen besonderen, durchaus ungewöhnlichen Lebensumständen eher gerecht geworden wäre, ist ungewiss. Sie wäre möglicherweise systematischer angelegt. Jedoch sind es gerade die aus den Fragen der Interviewer resultierenden Reflexe, mithin die Überraschung, die ein womöglich unerwartetes Stichwort auslöst, die das Erinnerungsvermögen und die Einfälle des Interviewten in besonderer Weise zu stimulieren vermögen und ihn das kalkulierte Wagnis auch unkonventioneller Antworten eingehen lassen. Auch in dieser Hinsicht ist es daher nachvollziehbar, wenn sich der Interviewte, wie wir soeben sahen, dahingehend äußert, dass er „nicht der Norm Entsprechendes vorzutragen“ hat. – Zusammenfassend glaubt der Rezensent feststellen zu können, dass die hier angewandte Methode des nicht nur vis-à-vis, sondern zu einem Gutteil auch per Mail geführten (und folglich Möglichkeiten zu vertiefenden Antworten gebenden) Interviews mancherlei – und zwar nicht zuletzt auch arbeitsorganisatorische – Vorteile und interessante Perspektiven bietet. Es wäre insofern zu wünschen, dass diese Vorgehensweise Schule macht.

Meerbusch, Peter Dohms

 

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