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Rezension aus:
Rheinische Vierteljahrsblätter 77 (2013), S. 465-467

Horst Lademacher: Grenzüberschreitungen. Mein Weg zur Geschichtswissenschaft. Erinnerungen und Erfahrungen. Im Gespräch mit Burkhard Dietz und Helmut Gabel, Münster: Waxmann 2012, 347 S.

Die ‚Grenzüberschreitungen‘ Horst Lademachers sind ein ungewöhnliches Werk. Zwei seiner früheren Mitarbeiter, Burkhard Dietz und Helmut Gabel, baten ihn etliche Jahre nach dem Eintritt in den Ruhestand, er möge doch seine Autobiographie schreiben. Dieser Anregung begegnete er mit Skepsis, dem dann gemachten Vorschlag eines Interviews in E-Mail-Form über seinen Lebensweg stand er jedoch gleich positiv gegenüber. Das Gespräch wurde von 2009 bis 2011 geführt und danach in eine schriftliche Fassung gebracht, wobei Lademacher natürlich die Gelegenheit wahrnahm, Ergänzungen einzufügen. Durchweg sind seine Antworten sehr viel ausführlicher als die Fragen seiner Interviewer, mehrfach haben sie den Charakter von kleinen Abhandlungen. Ganz zum Schluss wollten Dietz und Gabel wissen, ob Lademacher dem Unternehmen immer noch skeptisch gegenüberstehe. Das bejahte er, denn er wisse nicht, „ob Person und Werk wichtig genug sind, um einer lesefreudigen Öffentlichkeit vorgeführt zu werden“ (S. 311). Diese Sorge ist ganz unbegründet. Was Lademacher über sein „Leben der etwas unruhigen Normalität“ (S. 322), über die Menschen, mit denen er zu tun hatte, und über seine beruflichen Stationen und die dabei gemachten Beobachtungen und Erfahrungen sagt, ist sehr lesenswert.

Nur die beiden ersten Kapitel über sein Elternhaus und die Schulzeit sowie über die ersten Nachkriegsjahre sind im vollen Sinne autobiographisch, die anderen gelten fast gänzlich dem beruflichen Weg und mannigfachen daran anknüpfenden Überlegungen. Geboren wurde Horst Lademacher 1931 in der Nähe von Gummersbach als Sohn eines arbeitslosen Hammerschmiedes. Die kleine Familie lebte in spürbarer finanzieller Not und demzufolge in sehr beengten Verhältnissen. Auch als der Vater wieder Arbeit fand und die Familie wenige Jahre später nach Plettenberg im Sauerland zog, brachte das keinen grundsätzlichen Wandel, ein Zimmer nebst Wohnküche mussten als Unterkunft weiterhin genügen. Der Kommission, die auf der Suche nach Zöglingen für die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten durch die Lande reiste, fiel der Viertklässler Horst sehr positiv auf, und der Vater, durchaus bildungsfern, stimmte dessen Wechsel auf eine solche weiterführende Schule zu, weil er seinem Sohn bessere Lebenschancen eröffnen wollte, als er selbst gehabt hatte. So besuchte Lademacher von 1941 bis 1944 die Napola in Oranienstein, ein Realgymnasium, das in seinen Anforderungen den normalen Schulen entsprach, aber ganz auf Abhärtung, auf Emotionalisierung und Militarisierung setzte. Nach drei Jahren ließ der Vater im November 1944 seinen Sohn auf die Oberschule in Altena wechseln – das Ende des ‚Dritten Reiches‘ war abzusehen. Bei der Vorstellung der Nachkriegsjahre widmete Lademacher der Frage einigen Platz, wie denn die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit der nun überwundenen Diktatur aussah, und konstatiert, dass derlei Probleme durch existentielle Alltagsprobleme überdeckt wurden. Nach dem Abitur im Jahre 1951 arbeitete Lademacher kurz in einer Hammerschmiede und begann dann in Bonn mit dem Studium der Rechtswissenschaften. Nach zwei Semestern wechselte er nach Münster, um Publizistik, Geschichte, öffentliches Recht und Niederländisch zu studieren – mit dieser Sprache hatte er sich schon als Schüler befasst. Er dachte an einen Beruf, in dem er den politischen Ereignissen ganz nahe sein konnte. Das Fach Publizistik gab er indessen schnell auf. 1957 promovierte er bei dem Militärhistoriker Werner Hahlweg mit einer Studie über den Prinzen Wilhelm I. von Oranien, der 1579 mit der Utrechter Union den Grund zur Republik der Niederlande legte. Ein Jahr arbeitete er bei einer Presseagentur in Frankfurt, dann ging er an das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, wo er in der Deutschland-Abteilung tätig war. Er befasste sich mit dem Frühsozialismus, den Anfängen der deutschen Sozialdemokratie und den Friedensbemühungen während des Ersten Weltkriegs. Vom Herbst 1962 an war er im Übersetzungsbüro der EWG in Brüssel tätig und hatte so eine sehr gut dotierte Position. Zwei Jahre später führte ihn sein Weg nach Bonn. Er bekam eine Assistentenstelle am Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande bei Franz Petri. Nach der Habilitation – über die belgische Neutralität als Problem des europäischen Friedens – im Jahre 1969 wurde er Diätendozent. 1971 erhielt er einen Ruf auf die Professur für Neueste Geschichte an der Freien Universität Amsterdam und trat diese Stelle 1972 an. Hier waren seine Hauptthemen der Kalte Krieg und die Veränderungen der sozialen Strukturen in der Nachkriegszeit. Wiewohl er in Amsterdam beruflich und in seinem Wohnort etwas außerhalb privat sehr gut integriert war, befiel ihn nach einigen Jahren Heimweh. So wechselte er 1979 nach Kassel, pflegte aber weiterhin enge Kontakte mit niederländischen Kollegen und flocht ein dichtes Netzwerk. In Amsterdam hatte die Geschichte seines Gastlandes nicht zu seinen Lehraufgaben gehört, jetzt rückte sie auf seiner Themenliste ganz nach oben. Er wandte sich ihr auch neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer zu und organisierte deutsch-niederländische Symposien, deren erstes 1983 in Aachen stattfand und dem Weg zum modernen Parteienstaat galt. Seine Bemühungen um die Schaffung eines fächerübergreifenden Instituts für Europa-Studien hatten keinen Erfolg, wohl aber die um die Gründung eines Zentrums für Niederlande-Studien an der Universität Münster, für das er sich seit 1987 einsetzte; im Spätsommer 1990 wurde er dessen erster Direktor und erhielt zudem einen Lehrstuhl in Münster. 1999 wurde er emeritiert. Für alle beruflichen Stationen beschreibt Lademacher seine dort geleistete Arbeit, und immer wieder gibt er plastische Kennzeichnungen derer, mit denen er zu tun hatte. Bei Werner Conze, den er als Student hörte, erinnert er sich an eine solide Trockenheit im akademischen Unterricht und handelt dann über dessen Einsatz für die Sozialgeschichte. Ausführlich beschäftigt er sich mit Franz Petri, der wegen seiner Tätigkeit als Kriegsverwaltungsrat und Kulturreferent bei der deutschen Besatzungsverwaltung in Brüssel 1940/44 später sehr angefochten wurde, und setzt sich mit dessen Konzept der Kulturraumforschung auseinander. Zu den fast eigenständigen Abhandlungen, zu denen manche Antworten Lademachers gediehen, gehören längere Darlegungen über den niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga, den er einen Kulturpathologen nennt, und die ausführliche Erörterung des Selbstbildes der Niederländer und ihrer Sicht auf Deutschland, die natürlich stark von der Besatzungszeit ab 1940 geprägt ist. Dabei kommt er zu der Feststellung, die Niederländer täten gut daran, ihren identitätsstiftenden Mythos aus der Vergangenheit zu hinterfragen und mehr Selbstkritik zu üben. Von der Kulturraumforschung im Sinne Petris mit ihren politischen Implikationen distanziert er sich ausdrücklich und empfiehlt eine Kulturraumforschung neuer Art mittels des Vergleichs von Ländern und Mentalitäten. Ein derartiges Vorgehen erachtet er als sehr förderlich für den Abbau mentaler Reserven und des engen nationalstaatlichen Denkens und für die Ausbildung eines europäischen Bewusstseins; daran ist ihm sehr gelegen. Diese Anmerkungen zu einigen der vielen von Lademacher angesprochenen Aspekten müssen genügen. Seine ‚Grenzüberschreitungen‘ sind ein sehr anregendes Buch.

Speyer, Hans Fenske

 

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